Oberkirche
Zwischen 1881 und 1884 errichteten die Steyler Ordensgemeinschaften nach einem Entwurf des Priester-Architekten Joseph Prill eine neugotische Kirche. Das Gotteshaus erhielt zwei Ebenen. Die Oberkirche bewahrt bis heute ihre ursprüngliche Atmosphäre aus dem späten 19. Jahrhundert. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Der Reichtum an Details und Farben, so typisch für die Neugotik, beeindruckt auf eindrucksvolle Weise. Die Gewölbe sind höher als in der Unterkirche. Die Säulen tragen vergoldete Blattkapitelle. Im Chor befindet sich ein reich geschnitzter Altar aus einer Werkstatt in Mittellimburg. Über den Seitenkapellen zeigen farbenprächtige Glasfenster Heilige, die mit der Mission verbunden sind.
Der Gründer des Klosterdorfes Steyl, Arnold Janssen, fühlte sich den Engeln besonders verbunden. In der Oberkirche stehen sie deshalb im Mittelpunkt. Die geflügelten Wesen sind in den Glasfenstern und Altären verewigt. Das Licht fällt durch die farbigen Fenster ins Innere, verändert dabei ständig seine Farben und gleitet über den Fliesenboden mit seinen geometrischen Mustern. In der Gemeinde Venlo gibt es nur wenige Orte, an denen das Licht so eindrucksvoll in den Raum fällt.
Lange Zeit galt die Neugotik unter Architekturfachleuten als überholt. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurden viele Kirchenräume mit weißer Farbe überstrichen und dem religiösen Empfinden einer neuen Zeit angepasst. Doch nach und nach setzte eine Neubewertung der ursprünglichen neugotischen Innenräume ein. Die Oberkirche des Missionshauses in Steyl blieb von diesen Modernisierungswellen verschont. Besucher können dort gelegentlich in den Kirchenbänken Platz nehmen – ein besonderes Erlebnis.
Unterkirche im Missionshaus St. Michael
Um gleich zur Sache zu kommen – oder besser gesagt: durch die Tür der Unterkirche des Missionshauses. Zögern Sie keinen Moment, wenn die Sonne untergeht. Wer trödelt, verpasst eine eindrucksvolle Erfahrung. Sobald Sie eingetreten sind, gehen Sie sofort nach rechts. In der Westwand befindet sich ein in Beton gefasstes Buntglasfenster. Es stammt aus dem Atelier Flos in Steyl.
Am Nachmittag oder frühen Abend strömt eine Welle aus farbigem, diffusem Licht in die Kirche. Setzen Sie sich, kommen Sie zur Ruhe und nehmen Sie sich Zeit. Es wirkt, als blickte man in ein überdimensionales Kaleidoskop – ein Strudel aus Licht und Farben. Man fühlt sich aus dem Alltag emporgehoben; für einen Moment scheint die Zeit zeitlos zu werden.
Kirchliche Zeremonien
Die Unterkirche des Missionshauses wird täglich für kirchliche Zeremonien genutzt. Die Grundlage für die heutige Innenausstattung wurde 1972 gelegt. Die Welt verändert sich stetig – und damit auch die römisch-katholische Kirche. Aus dem Bedürfnis heraus, Anschluss an das moderne Lebensgefühl zu finden, wurde der Künstler und Architekt Will Horsten aus Kevelaer hinzugezogen. Er ging dabei sehr konsequent vor.
Die Raumaufteilung der Kirche wurde verändert, die neugotischen Wandmalereien des 19. Jahrhunderts verschwanden unter mehreren Schichten weißer Kalkfarbe, und die antiken Kirchenbänke wurden durch moderne ersetzt. Für einige ältere Ordensleute, die am vergangenen, reicheren „römischen Leben“ hingen, war diese Modernisierung ein schwerer Einschnitt. Nichts erinnerte mehr an die Kirche vor Horstens Eingriff. Für heutige Besucher, die unbelastet von der Vergangenheit eintreten, ist es ein besonderer Ort, der Ruhe schenkt und ganz von selbst zum Nachdenken anregt – vorausgesetzt, man lässt sich darauf ein.
Altar und Kandelaber im Altarraum verweisen auf die Gottesdienste des Alten Testaments. Ambo und Tabernakel sind in der Form einer stilisierten Weinpresse gestaltet. In der christlichen Symbolik steht die Weinpresse für das Leiden Christi. Horsten entschied sich bewusst für rohes Aluminium – ein modernes Material mit großer Ausdruckskraft. Das frei über dem Altar schwebende Kreuz ist in seiner Schlichtheit eindrucksvoll. Die Wandteppiche stellen den Kreuzweg dar.
Bronzene Grabstätte von Arnold Janssen
Wir wenden uns der bronzenen Grabstätte mit den sterblichen Überresten von Arnold Janssen zu. Das Grabmal verweist in seiner Symbolik auf die Dreifaltigkeit, das Heiligste Herz Jesu, den Heiligen Geist und die Botschaft des Engels an Maria. Auf dem Deckel stehen Name und Lebensdaten des Gründers des Klosterdorfes sowie eine prägnante Zusammenfassung seiner Bedeutung: pater (Vater) – dux (Führer) – fundator (Gründer). Der Sarkophag ruht auf vier Stützen, aus denen Pflanzen emporwachsen. Das Grabmal wurde ebenfalls von Will Horsten entworfen.
Horsten war eine auffällige Persönlichkeit: buschige Augenbrauen und eine kräftige Statur. In seiner Freizeit war er gern unter den Einwohnern Steyls im Café ’t Vaerhoes anzutreffen. Wenn er in Stimmung war, zog er eine Papierrolle hervor und fragte den Wirt, ob er Schuhcreme habe. Sobald die Dose auf dem Tisch stand, tauchte er seinen Zeigefinger hinein und skizzierte Porträts der Cafébesucher.
Andachtskapelle
Wir befinden uns noch immer in der Unterkirche. Rechts neben der letzten Ruhestätte von Arnold Janssen befindet sich die Andachtskapelle. Ins Auge fallen über dem Zugang die Porträts von Arnold Janssen (1837–1909) und Joseph Freinademetz (1852–1908). Die ausdrucksstarken Werke stammen vom norditalienischen Künstler Gotthard Bonell. Die Unterkirche wurde damit im Vorfeld der Heiligsprechung von Janssen und Freinademetz im Jahr 2003 bereichert.
Joseph Freinademetz kam 1878 nach Steyl. Bereits ein Jahr später brach er gemeinsam mit Johann Baptist Anzer nach China auf. Sie waren die ersten beiden Missionare, die von Steyl ausgesandt wurden. In einem Heft in der Andachtskapelle notieren Pilger nach Steyl ihre oft bewegenden Gedanken, Gefühle und Anliegen.















