1875
Wir schreiben Mittwoch, den 8. September 1875. Neugierige Spaziergänger werfen einen Blick auf das leerstehende Gasthaus der Familie Ronck in Steyl. Berichten zufolge wurde das Gebäude kürzlich verkauft. Man sagt, an deutsche Ordensleute – der Kaufvertrag sei von einem gewissen Arnold Janssen unterzeichnet worden. Janssen? Das ist doch ein ur-niederländischer Name! Nein, dieser Janssen kommt von direkt hinter der Grenze. Aus Goch.
Die Spaziergänger werden eingeladen, hereinzukommen. Arnold Janssen schüttelt Hände und stellt sich vor. Ob die Gäste etwas trinken möchten? Ein Glas Bier – das wäre an diesem spätsommerlichen Tag herrlich. Ein Mitbruder steigt in den kühlen Keller des ehemaligen Gasthauses hinab und kehrt mit zwei Flaschen Bier zurück. Sie werden kurzerhand leer gemacht.
Die Erinnerungen an den Tag, an dem sich Arnold Janssen offiziell in Steyl niederließ – Mittwoch, der 8. September 1875 –, sind festgehalten worden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird in der verfallenen Herberge der Familie Ronck ein Prosit! erklungen sein. Ein Wunsch, dass die großen Pläne Arnold Janssens gelingen mögen. Dieser Wunsch ist Wirklichkeit geworden.
Aber warum kam der deutsche Priester nach Steyl?
Otto von Bismarck wurde 1871 Reichskanzler des Deutschen Kaiserreichs. Der einflussreiche Politiker war ein strenger Protestant, der Katholiken zutiefst misstraute. Er betrachtete die katholische Deutsche Zentrumspartei als ein Hindernis für die Einigung Deutschlands – eines protestantischen Deutschlands nach seiner Vorstellung. Bereits ein Jahr nach seinem Amtsantritt als Reichskanzler wurden die Jesuiten ausgewiesen. Später folgten auch andere Ordensgemeinschaften.
Das politische Klima machte die Gründung einer neuen Kongregation unmöglich. Genau dies aber war der Traum, den Arnold Janssen hegte: eine Kongregation von Missionaren, die den katholischen Glauben bis in die entlegensten Winkel der Welt verbreiten sollte. Was in seiner protestantisch geprägten Heimat unmöglich war, wurde im durch und durch katholischen Limburg Wirklichkeit.
Das verschlafene Dörfchen Steyl mit seinen dreihundert Einwohnern, rund sechzig bescheidenen Häusern, einigen stattlichen Villen, einer Kirche und einer Schule wurde in einen Strudel der Veränderungen hineingezogen. Die Bewohner staunten nicht schlecht. Innerhalb kurzer Zeit entstanden Klöster, eine beeindruckende Doppelkirche und eine Druckerei für geistliche Literatur. Rundherum wurden weitläufige Klostergärten mit Friedhöfen für Ordensangehörige angelegt. Das Ensemble der Gebäude und die Atmosphäre jener Zeit sind größtenteils erhalten geblieben.


Heute
Wer Steyl heute ohne jegliches Vorwissen besucht, wird aus dem Staunen kaum herauskommen. Geschichts- und Kulturinteressierte werden hier jenes seltene Gefühl erleben, einen verborgenen Schatz entdeckt zu haben – denn genau das ist das Klosterdorf: eine Perle an der Limburger Maas.

















